Europäisierung der Behindertenrechtsmodelle? Vom langsamen Wandel nationaler Inklusions-konzepte in Frankreich und Deutschland
BZ.08.04 (Hörsaal 02)
mit Dr. Sarah Neelsen (Paris)
Über die Veranstaltung
In der Geschichte der internationalen Behindertenrechtsbewegungen stellen die 2000er Jahre einen Wendepunkt dar. Parallel zu den Verhandlungen der Generalversammlung in New York über die UN-Behindertenrechtskonvention traten 2002 in Deutschland das Behindertengleichstellungsgesetz und 2005 in Frankreich das „Loi handicap“ in Kraft. In beiden Ländern wurde Behinderung nahezu zeitgleich zu einem neuen Gegenstand geisteswissenschaftlicher Forschung und Lehre, nachdem das Thema lange vor allem den Rehabilitationswissenschaften überlassen worden war. Beide Einschnitte auf juristischer und wissenschaftlicher Ebene ergaben sich zum einen aus der Rezeption britischer und US-amerikanischer Modelle von Behinderung, die in Frankreich und Deutschland auf unterschiedlichen Nährboden fielen, und zum anderen aus der Europäisierung von Inklusionsdebatten, die nationale Unterschiede bis zu einem gewissen Grad einebnete. Sarah Neelsen untersucht in dem Vortrag diese doppelte Bewegung der nationalen Aneignung und der internationalen Aushandlung neuer Behinderungsmodelle und gibt Einblick in Aspekte von Inklusion, die heute von einem engeren deutsch-französischen Austausch profitieren könnten.
Kurzbiographie
Sarah Neelsen ist Assistenzprofessorin für Deutschlandstudien an der Université Sorbonne Nouvelle und Junior Research Fellow in Disability Studies am Institut universitaire de France. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören österreichische Literatur nach 1945, multimodales Übersetzen im musealen Kontext und in Leichte Sprache sowie die Geschichte und Methoden partizipativer Wissensproduktion. Publikationen (Auswahl): Les essais d’Elfriede Jelinek. Genre, relation, singularité, 2016; mit F. Mus (Hg.), Translation and Plurisemiotic Practices, 2021; mit L. Koch und J. Prager (Hg.), Literarische Organotechnik. Studien zu einer Diskurs- und Imaginationsgeschichte, 2024.